Geschichte 4/4

Weihnachten


Hallo Paul,
vielen Dank für deinen  Weihnachtsbrief, der vorgestern im Briefkasten lag, den ich aber heute erst gelesen habe, Ehrenwort. Ich schreibe ab und zu auch gerne einen Brief, selbst wenn es mit Telefon oder SMS bequemer ist.
‚Die Schreibfinger sollen gelenkig bleiben‘, meinen meine Eltern.
Ich wünsche dir ebenfalls ein frohes Weihnachtsfest und in einer Woche einen guten Start ins neue Jahr, das für dich, wenn ich mich recht erinnere, sehr wichtig werden wird, da du in die Sekundarstufe I, in die fünfte Klasse, wechselst und dann anders arbeiten musst als bisher. Weißt du noch, als ich letzten Sommer bei euch in Europa war, was wir da gefaulenzt haben und die Schule fast vergessen hatten, obwohl wir täglich, abgesehen von den Ausflügen und den Wochenenden, dort waren.
Bei euch gibt es auch wirklich hübsche Mädchen. Ich freue mich schon sehr, wenn du mich im nächsten Mai besuchen kommst, denn wir haben auch viele hübsche Mädchen.
Jetzt ist Weihnachtszeit, und ich wollte dir schreiben, was ich seltsam finde. Ihr in Europa habt Weihnachten mit dem ganzen Drum und Dran, mit Weihnachtsmann, Tannenbaum, Weihnachtskugeln und heimeliger Stimmung erfunden. Und wir?
Vor drei Tagen war der längste Tag des Jahres. Es ist affenheiß und die Kerzen schmelzen auf dem Weihnachtsbaum. Bei dreißig Grad im Schatten will eine Weihnachtsstimmung nicht so recht aufkommen. Und wann sollen wir die Kerzen anzünden, wenn es abends bis zehn oder elf Uhr hell ist?
Außerdem kriegen wir jede Menge Weihnachtliches im Fernsehen gezeigt, weil bei uns unheimlich viel nordamerikanisches Fernsehen aus den USA läuft; in den Werbungen, in den Serien, in den Nachrichten, überall Bratäpfel, Lametta, Weihnachtsmänner und festlich geschmückte Tannenbäume. Tannen haben wir übrigens im Süden unseres Landes auch. Weihnachten muss ja nicht gleich im Juni sein, wenn es bei uns kalt, besser gesagt, kühl ist, und die Tage kurz sind; aber wir könnten uns doch auf September oder März einigen. Ich denke, da haben die Länder auf der Nordhalbkugel einen zu großen Einfluss. So wird es wohl bei Dezember bleiben.
Aber wenn du im Mai zu uns nach Chile kommst, ist hoffentlich trotz unseres Winters schönes Wetter. Es ist zwar kühl, aber bei uns scheint häufig die Sonne.
Bis bald, schöne Grüße an deine Eltern und deine Schwester
Dein Salvatore aus Santiago.